Schicksale von behinderten Menschen im Dritten Reich

Im Gespräch mit Ulrich Reitinger (5.v.li.), Arne Hermann Stopsack (4.v.li.), Reinhard Broich (3.v.re.) und weiteren Mitgliedern des FAK Schule und Jugend

Die jährliche Klausurtagung des Arbeitskreises Schule und Jugend der FDP-FW-Fraktion beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) fand dieses Jahr in Iserlohn und Hemer statt. Die Regionalpolitiker um ihren Fraktionsvorsitzenden Arne Hermann Stopsack und FAK-Leiter Reinhard Broich tagten im Hotel Vier Jahreszeiten Iserlohn. Ein Thema war dabei u. a. die dunkle Geschichte des Umgangs mit behinderten Kindern und Jugendlichen während der Zeit des Nationalsozialismus und dann erst sehr spät einsetzende Aufarbeitung.

Als Referent war der Holzwickeder Ulrich Reitinger eingeladen, der zu diesem Thema geforscht und publiziert hat. Sein Thema lautete „Abgestempelt – Verhütung erbkranken Nachwuchses Schicksale der Menschen mit Behinderungen (speziell der Kinder und Jugendlichen) in der Zeit des Nationssozialismus“. Als Mitarbeiter des LWL hatte Ulrich Reitinger Einsicht in die Patientenverwaltung der Psychiatrischen Landesklinik Aplerbeck und recherchierte Hintergrundinformationen zu den Schicksalen in ganz Deutschland.

Mindestens 200.000 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden während der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen des sogenannten Euthanasie­programms ermordet. Über Leben und Tod entschieden etwa 40 ärztliche Gutachter, überwiegend erfahrene Psychiater, in einem Umlaufverfahren anhand des Meldebogens, also ohne die Patientinnen und Patienten vorher gesehen zu haben. Die Opfer wurden zunächst in sogenannte Zwischenanstalten überführt. Die Lebens- und Leidensgeschichten von körperlich und geistig behinderten Opfern des Nationalsozialismus, darunter auch viele Kinder und Jugendliche, waren fürchterlich. Hygienemangel, Verwahrlosung, Nahrungsmangel und Behandlungsentzug waren an der Tagesordnung und endeten auf schlimmste Weise mit dem Tod im Konzentrationslager. Das Unvorstellbare hat Reitinger in seinem Buch „Abgestempelt“ anhand von Schicksalen von NS-Opfern aus Holzwickede dokumentiert.

Deutlich wurde dabei auch, wie weit weltweit verbreitet dieses Gedankengut in dieser Zeit war und im Deutschen Reich schrittweise diese menschenverachtende Praxis vorbereitet wurde. So schon 1933/34 durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, in dessen Folge es zu über 400.000 Zwangssterilisation im Dritten Reich kam. In diesem Zusammenhang verwies Arne Hermann Stopsack auch auf die gerade in Iserlohn geführte Diskussion um Hugo Fuchs.

„Wir leben heute wieder in bewegten Zeiten, in denen Ausgrenzung und Unterdrückung zunehmen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Vergangenheit wiederholt,“ sagten Arne Hermann Stopsack und Reinhard Broich. „Deshalb ist es wichtig, dass es Menschen wie Ulrich Reitinger antreibt, unsere Geschichte aufzuarbeiten und nicht vergessen zu lassen. Es ist auch zu begrüßen, dass sich der LWL in seinen Einrichtungen dieses dunklen Kapitels stellt und daraus eine Haltung und Gedenkkultur entwickelt hat und weiter entwickelt.“



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