Fachkräftemangel Thema in der Landschaftsversammlung

In der Landschaftsversammlung am vergangenen Donnerstag stand neben der Wiederwahl von Birgit Westers das Thema Fachkräftemangel im Mittelpunkt.

 

Dazu sprachen u. a. Staatssekretär Lorenz Bahr aus dem NRW-Familienministerium sowie Landesdirektor Dr. Georg Lunemann. Für die FDP-FW-Fraktion hielt Vorsitzender Arne Hermann Stopsack folgende Rede:

Am Pult: Staatssekretär Lorenz Bahr

„Sehr geehrter Vorsitzender Klaus Baumann,

Herr Landesdirektor Dr. Georg Lunemann,

liebe Kolleginnen und Kollegen in der Landschaftsversammlung,

sehr geehrte Damen und Herren!

 

Als ich in den 80ern in die Schule ging, war das Thema Arbeitslosigkeit ganz oben auf der Tagesordnung. In den Schulbüchern wurde darüber berichtet, dass bald Roboter und Computer den Menschen die Arbeit „wegnehmen“ würden.

Heute, 30 Jahre später, stehen wir vor der Situation, dass wir bei weitem nicht genug Menschen haben, die Roboter bauen oder Computer programmieren. Ja, wir haben noch nicht einmal genug Menschen, diese Roboter in der Fabrik zu bedienen.

Was vor einigen Jahren noch Fachkräftemangel in einigen Branchen war, ist nun zum Kräftemangel in der Gesamtwirtschaft geworden und ein entscheidender Hemmschuh für unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

 

Und dabei werden wir von zwei Seiten in die Zange genommen: es gibt immer mehr Aufgaben, die wir erledigt haben möchten und immer weniger personelle Ressourcen.

 

An beidem ist die Politik nicht ganz unschuldig:

 

Es werden – mit jeweils guten Argumenten und Absichten – immer neue staatliche Standards gesetzt und neu Aufgaben geschaffen, so z. B. unlängst den Anspruch auf Ganztagsbetreuung an Schulen ab 2026. Für NRW fehlen hier 24.000 Fachkräfte, die es – auch bis 2026 – auf dem Markt schlichtweg nicht gibt.

Hinzu kommt jetzt ein gewaltiger Personalbedarf für die Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine sowie sonstigen Flüchtlinge, deren Anzahl in den letzten Monaten extrem stark angestiegen ist, dass jetzt in den Kommunen schon wieder Turnhallen belegt werden müssen.

Dass weniger personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, liegt auch stark an Entscheidungen des Gesetzgebers: Die Menschen in Deutschland gehen immer häufiger früh in Rente. Viele scheiden demnach bereits mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus – und damit deutlich vor der Regelaltersgrenze. Der noch Anfang des Jahrtausends beobachtete rasante Anstieg der Erwerbstätigenquote bei den über 60-Jährigen ist in den vergangenen fünf Jahren weitgehend zum Stillstand gekommen. Eine Ursache dafür ist die „Rente mit 63„. 2014 beschlossen CDU und SPD die Möglichkeit eines frühzeitigen Rentenbezugs ohne Abschläge für Menschen, die 45 Versicherungsjahre aufweisen können. Im damaligen Gesetzgebungsverfahren war von 200.000 bis 240.000 dieser Rentenanträge pro Jahr ausgegangen worden. Im vergangenen Jahr nutzten fast 270.000 Neurentner den abschlagsfreien Weg. Das waren 26,3 Prozent aller neuen Renten; insgesamt sind es über 2 Mio. Rentner und Rentnerinnen. Das fällt uns nun schmerzlich auf die Füße.

 

 

Absolut kontraproduktiv ist es in diesem Zusammenhang allerdings, ein soziales Pflichtjahr für alle jungen Menschen. Mit einem solchen Pflichtjahr würden dem Arbeitsmarkt noch mehr Menschen (über 700.000 pro Jahrgang) entzogen, weil sie später in die reguläre Berufsausbildung oder -ausübung kommen. Unklar ist auch, wo diese erhebliche Zahl ungelernter Kräfte in einer immer spezialisierteren Arbeitswelt unterbracht und von wem sie angeleitet werden sollen.

 

Weitere Gründe für den Kräftemangel liegen in gesellschaftlichen Entwicklungen: so ist der demographische Wandel – sprich: die Menschen bekommen einfach weniger Kinder – schon seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt; wirklich gegengesteuert oder die Konsequenzen draus gezogen, hat die Politik – egal wer gerade regiert – aber nicht. Und jetzt gehen noch die Baby-Boomer in den Ruhestand. Letztlich ist die Frage nach dem Fachkräftemangel deckungsgleich mit der Frage, wie wir die Alterssicherung nachhaltig gestalten können.

 

Wir haben also ein grundlegendes Problem. Mit erheblich mehr Geld für bestimmte „Mangelberufe“, wie es in der aktuellen Tarifauseinandersetzung für den Öffentlichen Dienst gefordert wird, ist es nicht zu lösen, weil das nur zu Verschiebungen zulasten anderer Branchen führt. Der Bäcker hat nämlich genauso Personalprobleme wie die Kindertagesstätte, die Gastronomie oder die Elektrotechnik….

 

Wir müssen aufpassen, dass keine Unwucht entsteht und dann immer mehr Menschen im Öffentlichen Dienst tätig sind und damit Arbeitskräfte aus produzierender Wirtschaft, Gewerbe und Dienstleistungen abgesaugt oder verdrängt werden. Denn in der Wirtschaft werden die Steuern und Sozialabgaben, die der Staat – und damit auch wir als LWL – umverteilen, letztlich erwirtschaftet.

 

Rund 5,1 Millionen Menschen in Deutschland waren 2021 im öffentlichen Dienst beschäftigt. Das waren 125 600 Beschäftigte oder 2,5 % mehr als ein Jahr zuvor. Dies war der höchste Anstieg gegenüber einem Vorjahr seit der deutschen Wiedervereinigung. Damit arbeiteten 2021 rund 11 % der Erwerbstätigen in Deutschland im Staatsdienst.

 

Und zu den Personen, die im engeren „Staatsdienst“ tätig sind, kommen ja noch die Beschäftigten, die „indirekt“ vom Staat bezahlt werden. Beim LWL sind das neben unseren 19.000 direkt beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die 60.000 Personen, die bei den Leistungserbringern (der freien Wohlfahrt) arbeiten, wo wir Kostenträger sind. Volkswirtschaftlich bildet sich das dann in der Staatsquote ab, die in Deutschland 2022 nur knapp unter 50% lag.

 

So ist die Kulisse, doch was bedeutet das für unser Handeln? Im Ergebnis gibt es nicht ein Rädchen, an dem wir drehen können, damit der Fachkräftemangel behoben wird. Es geht vielmehr um ein ganzes Maßnahmenbündel, um mit dem Fachkräftemangel leben zu können. Hier thesenartig einige Aspekte, die auch auf den LWL zutreffen:

 

  1. Wir alle werden wieder länger arbeiten müssen, die Lebensarbeitszeit in Stunden muss wieder ansteigen.
  2. Die Erwerbsquote bei den Frauen muss weiter steigen; deshalb muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter forciert werden. Wir müssen alles daran setzen, dass Frauen auch während der Familienphase im Erwerbsprozess gehalten werden können.
  3. Die Teilzeitquote – gerade in sozialen Berufen – muss sinken. Dies wird im Schulbereich ja aktuell bereits offen angesprochen.
  4. Wir brauchen eine aktive Einwanderungspolitik für Fachkräfte aus dem Ausland.
  5. Bei den hier lebenden Menschen müssen gerade bei Migranten/Flüchtlingen die Beschäftigungspotentiale gehoben – und aktiv eingefordert werden.
  6. Es darf keine Jugendlichen mehr geben, die eine Schule ohne Abschluss und Anschluss verlassen.
  7. Für soziale Berufe müssen mehr Männer begeistert werden.
  8. Das Potential von Menschen mit Handicap muss besser genutzt werden, die Inklusionsmesse des LWL hat vor zwei Wochen in beeindruckender Weise gezeigt, was möglich ist
  9. Die immer weiter fortschreitende Akademisierung in vielen Bereichen ist keine Lösung; vielmehr müssen komplexe Arbeitsprozesse so zerlegt werden und strukturiert werden, dass Teile davon auch von formal geringer qualifizierten Personen ausgeführt werden können. Im Krankenhausbereich schreitet diese Ausdifferenzierung seit vielen Jahren voran.
  10. Bei vielen Tätigkeiten müssen die Chancen der Künstlichen Intelligenz genutzt werden, damit gerade administrative Vorgänge weniger personalintensiv werden.
  11. Der Einsatz von Robotern und Sprachassistenten wird auch im sozialen Bereich ein dynamisches Wachstum erfahren. Die SeWo zeigt ja, was mit Technik, statt Personal, oft möglich ist. Die Reduzierung der Personalintensität im sozialen Bereich ist übrigens auch ein Schlüssel, den Kostenaufwuchs beim LWL zu bremsen.
  12. Und letztens: Wir müssen uns daran gewöhnen, dass manches Wünschenswerte eben gar nicht mehr oder nicht in der gewohnten Qualität umgesetzt werden kann. Es geht also um die Priorisierung von Aufgaben.

 

Der Fachkräftemangel wird also bleiben und somit wird es zur Daueraufgabe von uns allen, zu schauen, wie man damit umgehen muss…

 

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit, schöne Ostertage und bleiben Sie gesund: Glück auf!“



Symbol zurückAlle Meldungen

Symbol Info
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner