Zwei monumentale Werke von Gerhard Richter im LWL-Museum in Münster
Zwei außergewöhnliche Werke von Gerhard Richter hängen ab sofort im LWL-Museum für Kunst und Kultur: Die großformatigen Gemälde „Strich (auf Blau)” (1979) und „Strich (auf Rot)” (1980) sind als Dauerleihgaben aus dem Kreis Soest nach Münster gekommen.

Am 16. April fand die offizielle Übergabe durch den Landrat des Kreises Soest, Heinrich Frieling, in Münster statt, an der Arne Hermann Stopsack für die FDP-FW-Fraktion im LWL teilnahm.
Mit ihren beeindruckenden Dimensionen von jeweils 20 Metern Länge entfalten die Arbeiten im größten Ausstellungsraum des LWL-Museums eine ganz neue Wirkung. Erstmals seit Jahrzehnten sind beide Bilder wieder gemeinsam und in voller Länge außerhalb ihres ursprünglichen Präsentationsortes zu sehen. Die Gemälde laden dazu ein, Richters künstlerischen Ansatz aus nächster Nähe zu entdecken: Was zunächst wie eine expressive Geste wirkt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen als präzise übertragene Bildstruktur.
Mit diesem bedeutenden Zuwachs erweitert das Museum seine Präsentation eines der einflussreichsten Künstler der Gegenwart und schafft neue Perspektiven auf sein vielschichtiges Werk.

Die Gemälde entstanden im Kontext eines „Kunst am Bau“-Wettbewerbs und waren fast 50 Jahre in einer Soester Berufsschule installiert. Nun finden sie unter optimalen musealen Bedingungen ein neues Zuhause. Restauratorisch und konservatorisch betreut das Museum die Dauerleihgaben mit großer Sorgfalt.
Wenn man über Gerhard Richter spricht, spricht man über Superlative. Seine Werke erzielen auf Auktionen regelmäßig zweistellige Millionenbeträge, er gilt als der „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Doch wer dem 1932 in Dresden geborenen Künstler begegnet, trifft nicht auf ein exzentrisches Genie, sondern auf einen nachdenklichen Mann im grauen Kittel, der das Mysterium der Malerei mit der Präzision eines Handwerkers untersucht.
Richters Karriere ist untrennbar mit der deutschen Teilung verbunden. In der DDR zum Wandmaler ausgebildet, floh er 1961 – nur wenige Monate vor dem Mauerbau – in den Westen. In Düsseldorf angekommen, ließ er den Sozialistischen Realismus hinter sich, doch die Skepsis gegenüber jeder Form von Ideologie blieb. Richter misstraute den Bildern, egal ob sie politisch oder religiös aufgeladen waren.
Sein Durchbruch gelang ihm mit einer Paradoxie: Er malte Fotos ab. Schnappschüsse, Zeitungsbilder, Landschaften. Doch er fügte ein entscheidendes Element hinzu: die Unschärfe. Indem er die feuchte Ölfarbe mit einem Pinsel verwischte, entzog er den Motiven ihre Eindeutigkeit. „Ich misstraue der Realität, von der ich fast gar nichts weiß“, so sein Credo.
In den 1970er Jahren folgte ein radikaler Schwenk. Richter begann, abstrakte Bilder von monumentaler Wucht zu schaffen. Sein Werkzeug: der Rakel. Mit dieser riesigen Gummilippe zieht er Farbschichten über die Leinwand, kratzt sie auf, überlagert sie und lässt den Zufall Regie führen. Das Ergebnis sind visuelle Eruptionen, die den Betrachter förmlich in das Bild hineinziehen.

Trotz seiner Weltberühmtheit blieb Richter stets ein Zweifler. Er verweigerte sich einer klaren Handschrift. Wer eine Ausstellung von ihm besucht, könnte meinen, die Werke mehrerer Künstler zu sehen. Doch genau hier liegt seine Genialität: Richter beweist, dass Malerei alles sein kann – ein nüchternes Dokument, ein politisches Statement (wie sein berühmter Stammheim-Zyklus) oder eine sakrale Erfahrung.
Letztere schuf er 2007 für den Kölner Dom. Das dortige „Richter-Fenster“ besteht aus 11.263 farbigen Glasquadraten, die je nach Sonnenstand den Kirchenraum in ein pixeliges Lichtmeer tauchen. Es ist ein Werk ohne Motiv, das dennoch mehr über Transzendenz aussagt als viele klassische Heiligendarstellungen.
Gerhard Richter hat sich offiziell aus der Malerei zurückgezogen und widmet sich heute vor allem Zeichnungen und Editionen. Sein Einfluss auf die Kunstwelt jedoch bleibt ungebrochen. Er hat gezeigt, dass die Malerei im Zeitalter der digitalen Bilderflut nichts von ihrer Kraft verloren hat – solange sie bereit ist, sich immer wieder selbst infrage zu stellen.

